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Der Tod nimmt dir nicht das Leben

Als wir ein Paar wurden, lag sie im Sterben.
Als unsere Ehe geschieden wurde, war sie kerngesund.

Dazwischen lagen Jahre unseres Erwachens. Und spannender Erfahrungen. Mir wurde klar, dass den Tod zu ignorieren eine fatale Entscheidung ist:

Das Leben krachte uns zusammen. Wir arbeiteten in derselben Firma und eines Tages, beide im Stress, stießen wir im Laufschritt zusammen. Eine offensichtlich gewollte Begegnung, wie sich herausstellen sollte.

Wir lernten uns kennen. Vorsichtige Annäherungen. Zahlreiche Gespräche. Es stellte sich heraus, dass sie im Sterben lag: Hirntumor. Schon ihr zweiter, sie wollte keine Chemotherapie mehr, sondern „nur noch ein bisschen leben“.

Wir mochten dieselbe Musik, hatten einen ähnlichen Humor. Verbrachten immer mehr Zeit miteinander. Und es dauerte nicht lange, da schoss Amor seinen Pfeil auf uns. Es hatte uns erwischt, Liebe war im Spiel.

Wie jetzt? Eine Partnerschaft mit einer beinahe Toten? Mir stellte sich die Frage nicht, ich liebte sie. Innig und ganz. Und Gevatter Tod war auch kein Fremder in meinem Leben.

Aber mein Umfeld, wollte mich lieb gemeint schützen. Schützen vor einem möglichen Drama. Und sagten: Es habe keine Zukunft. Sie stirbt und ich sei alleine. Da solle ich doch aufpassen und gehen. 

Ich fragte zurück: Welche Zukunft? Die in 10 Jahren? Ja, oder die in 20 Jahren, es habe doch keine Perspektive, was wir da vorhaben. Und was ist mit HEUTE? Das habe keine Bedeutung hieß es, weil es keine Zukunft habe.

Ich hörte, dass es nur um die Zukunft geht.
Oder um die Vergangenheit.

Aber was jetzt ist, zähle nicht, weil das Morgen schon heute im Arsch sei.
Aber heute ist es doch Liebe! Ja, aber morgen sei es dann der Tod.

Ich war fassungslos.
Erschüttert.

Ja, sie hatte eine Prognose von wenigen Wochen.

Aber was ist mit den Anderen, die keine ärztliche Prognose haben? Die können heute schon vom Auto erfasst werden, und damit schneller sterben, als sie.

Und nur weil sie es nicht wissen, wann der Tod kommt, soll deren Heute sehr wohl Relevanz haben im Hinblick auf die Zukunft, im Gegensatz zu mir und ihr?

Ich hörte nicht auf die Anderen, nicht auf die Gesellschaft. Ich hörte auf ihr und auf mein Herz. Wir lebten die Liebe. Tag für Tag neu. Die Nächte wurden zunehmend zur Hölle für mich: Morgen früh schon konnte sie tot sein. Ich hatte auch im Schlaf pure Angst. Und die Tage? Voller Liebe, voller Leben, mehr als je zuvor.

So lebten wir Tag für Tag, Schritt für Schritt. Fühlten, was es bedeutete, wenn man an von CARPE DIEM sprach.

Ich will es kurz machen: Entgegen den Prognosen gesundete sie. Wurde wieder stark. Und ich brach zusammen. Wir schafften auch diese Zeit. Dazwischen heirateten wir.

In unseren gemeinsamen Jahren starben wir beide. Und erwachten in uns selbst. Wir gebaren uns gegenseitig ins Leben. Angeblich hatten wir weder eine positive Prognose, noch eine sinnvolle Zukunft. Es kam anders.

Heute leben wir geschieden an unterschiedlichen Orten. Und sind beide angekommen. Bei uns selbst.

Der Tod war und ist unser Lehrer. Er ist tatsächlich die Liebe. Und nicht der Feind, wie so viele Menschen glauben.

Ich habe gelernt, dass es nicht um die Zukunft geht. Nicht um die Vergangenheit. Sondern darum, was HEUTE IST. Jetzt! 

Der Tod nimmt Dir nichts weg. Auch nicht das Leben.
Du selbst nimmst dir zu Lebzeiten schon das Leben weg.

Und das hat längst nicht nur mit Partnerschaft zu tun. Das hat mit allem zu tun. Du wolltest etwas schon so lange tun? Ihm oder ihr von deiner Liebe erzählen? Und tust es nicht, weil es ja angeblich keine Zukunft hat?

Wenn Du Mut hast, tust du es heute noch.
Und womöglich erlebst du dann auch ein Wunder.

So wie sie und ich.

Auch darum wird es in meinem neuen Buch gehen.

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